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Theologische Verankerung

Das Reich Gottes steht im Mittelpunkt der Predigt Jesu. Jesus hat dieses Reich Gottes aber nirgendwo definiert oder theoretisiert, sondern er hat es in seinen Gleichnissen beschrieben und in seinem Handeln erfahrbar gemacht. Insbesondere dadurch, dass er sich der Ausgestoßenen, der Kranken und Elenden, der an den Rand der Gesellschaft Gestoßenen annahm und sie in seine Tisch- und Lebensgemeinschaft aufnahm.

Dieser Botschaft vom Reich Gottes ist auch sein ethischer Imperativ zugeordnet. Obwohl das Kommen des Gottesreiches ganz und gar Sache Gottes und damit Geschenk ist, wird doch vom Menschen gefordert, dass er sein Leben und Handeln auf das zukünftige Gottesreich hin orientiert (Mt 5,23; 18,21-35; Lk 6,27; 10,30-37) und es so in der Gegenwart bereits realisiert. Das Geschenk des Reiches Gottes stellt damit das christliche Handeln erst in einen tragfähigen Zusammenhang und gibt ihm Perspektive.

Vor diesem Hintergrund kann christliches Engagement mit dem Ziel einer zukünftig gerechteren Welt als Mitarbeit an der Vergegenwärtigung des Reiches Gottes entworfen werden. Dabei ist und bleibt christliches Fair-Handels-Engagement ein Verweis auf die Erforderlichkeit der umfassenden Umsetzung eines fairen Welthandels. Die Unerlässlichkeit der kleinen Schritte und der zeichenhaften Handlungen nimmt Bezug auf ein biblisches Reich-Gottes-Gleichnis: das Senfkorn, zunächst das kleinste aller Körner, reift heran und setzt sich letztlich durch.

Mit Blick auf das Fernziel einer gerechten Weltwirtschaftsordnung bekommt die Reich-Gottes-Botschaft eine fundamentale Parteilichkeit und somit politische Dimension: „Das Reich Gottes ist eine Welt, eine Gesellschaft, die den Armen das Leben in Würde erlaubt. Es verwandelt eine ungerechte historisch-gesellschaftliche Wirklichkeit in eine andere, gerechte, in der Solidarität herrscht und in der es keine Armen mehr gibt“ (Jon Sobrino).

Somit verleiht die „Reich-Gottes-Theologie“ in der Spannung von Anbruch und Vollendung einem christlich motivierten Fair-Handels-Engagement eine theologische Dignität.


"Und wo die Unterdrückung und Not sich – wie heute – ins Weltweite steigern, muss diese praktische Verantwortung unserer Hoffnung auf die Vollendung des Reiches Gottes auch ihre privaten und nachbarschaftlichen Grenzen verlassen können. Das Reich Gottes ist nicht indifferent gegenüber den Welthandelspreisen!"

Unsere Hoffnung, Beschluss der Gemeinsamen Synode der Bistümer Deutschlands


Im Jahr 2012 blickte die katholische Kirche 50 Jahre auf das II. Vatikanische Konzil zurück – für die Theologie sowie für das pastorale und christliche Handeln in heutiger Zeit vermag es noch wesentliche Impulse zu setzen.

So formuliert die Anfangspassage der Pastoralkonstitution Gaudium et spes programmatisch eine Verhältnisbestimmung von Kirche und Welt, von christlicher Existenz und Gesellschaft: Pastorales und christliches Handeln steht immer unter dem Anspruch der barmherzigen Solidarisierung mit den Hoffnungen und Ängsten von Menschen, wobei der vorrangige Blick auf die am meisten Benachteiligten gerichtet ist. „Solidarität und Barmherzigkeit als christliche Grundeinstellung“ könnte als eine ungeschriebene Unterüberschrift über der Pastoralkonstitution verstanden werden.
Diese Solidaritätsethik des II. Vatikanums setzt sich in der nachkonziliaren Sozialverkündigung der Kirche fort, insbesondere in den Enzykliken Po- pulorum progressio von Papst Paul VI. sowie Sollicitudo rei socialis von Papst Johannes Paul II., der die Solidarität sogar zu den Hauptpflichten des Menschen rechnet. Das Schreiben Sollicitudo rei socialis entwickelt eine regelrechte Lehre der Verpflichtung zur Solidarität (Nr.32/1 siehe obiges Zitat), deren Inhalt in den weiteren Abschnitten (Kapitel 33; 40; 42) unmissverständlich deutlich wird: Solidarität macht in einer modernen und globalisierten Welt nicht mehr Halt vor der Frage nach dem Lebensstil der Kirchen sowie der Christinnen und Christen.


„Die Kirche lebt aus einer Spiritualität, die sie befähigt, gemeinsam mit allen Menschen guten Willens neue Wege gelebter Schöpfungsverantwortung zu wagen und sich gegen alle Widerstände für den notwendigen Wandel mit friedlichen Mitteln einzusetzen.“

Die deutschen Bischöfe/Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen, Der Klimawandel: Brennpunkt globaler, intergenerationeller und ökologischer Gerechtigkeit


Es ist ein urchristliches Anliegen, die Schöpfung Gottes zu bewahren. Die Freude an den Gütern der Schöpfung und die Entschlossenheit, diese auch anderen zu ermöglichen, also zu schützen und gerecht zu teilen, sind angemessener Ausdruck und sichtbares Zeugnis des Glaubens, dass die Schöpfung Gottes gute Gabe ist. Angesichts der ökologischen Krise ist das Engagement für die Bewahrung der Schöpfung als Lebensraum für alle Kreaturen heute eine unverzichtbare Praxis des christlichen Schöpfungsglaubens.

Dabei geht es im ökofairen Engagement nicht nur um die Verantwortung der Christen für die Welt, es geht auch darum, der Glaubwürdigkeitskrise der Kirche entgegenzuwirken bzw. sie zu überwinden. Dazu könnte ein entsprechender Lebensstil einen großen Beitrag leisten. Vom antiken Schriftsteller Tertullian (150-230 n.Chr.) wissen wir, dass die Heiden im
2. Jahrhundert nach Christus über die damaligen Christen sagten: „Seht, wie sie einander lieben“. Wäre es nicht beeindruckend, wenn man von den Christen des 21. Jahrhunderts einmal sagen könnte: „An ihrem Lebensstil konnte man sie erkennen: Sie traten für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung ein. Sie standen für die Globalisierung der Solidarität. Sie bewahrten die Schöpfung. Sie zahlten den Bauern weltweit faire Preise. Sie gaben Kindern eine Zukunft.“

Für Christinnen und Christen hat der Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung immer auch einen spirituellen Hintergrund. Die Lebensstilfrage umfasst das Leben des Menschen in all seinen Dimensionen. „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Mt 4,4). Dieses Zitat aus dem Matthäusevangelium weist darauf hin, dass es mehr gibt als nur das Materielle, dass jedes Materielle auch eine spirituelle Dimension besitzt und dass der Mensch von beidem lebt.


Literatur:
Markus Raschke, Fairer Handel.
Engagement für eine gerechte Weltwirtschaft, Ostfildern 2. Auflage 2009
Diözesanrat der Katholiken der
Erzdiözese München und Freising (Hg.), Anders besser leben.
Lebensstile für eine lebenswerte Welt, München 3. Auflage 2011